Normen & Akkreditierung

Risiken und Chancen nach ISO/IEC 17025: Maßnahmen nach Abschnitt 8.5

Die Norm von 2018 ersetzt die Vorbeugemaßnahmen durch risikobasiertes Denken. Dieser Ratgeber zeigt, was Abschnitt 8.5 verlangt, wie ein schlankes Risikoregister aussieht und welche Beispiele Auditoren im Prüflabor erwarten.

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Kurz gesagt

Abschnitt 8.5 der DIN EN ISO/IEC 17025:2018 verlangt, dass das Labor Risiken und Chancen seiner Tätigkeiten betrachtet, um die Gültigkeit der Ergebnisse abzusichern, Chancen zu nutzen, unerwünschte Auswirkungen zu verhindern und sich zu verbessern. Das Labor plant Maßnahmen dazu, führt sie in das Managementsystem ein und bewertet ihre Wirksamkeit. Die Maßnahmen stehen im Verhältnis zur möglichen Auswirkung auf die Gültigkeit der Ergebnisse. Ein formales Risikomanagement nach ISO 31000 oder ein dokumentierter Risikomanagementprozess ist nicht vorgeschrieben; in der Praxis genügt eine gepflegte Liste mit Risiko, Bewertung, Maßnahme, Verantwortlichem und Wirksamkeitsprüfung.

Von der Vorbeugemaßnahme zum risikobasierten Denken

Die Ausgabe von 2005 kannte Vorbeugemaßnahmen: Ursachen potenzieller Fehler beseitigen, bevor sie auftreten. Die Ausgabe von 2017/2018 fasst das weiter. Risikobasiertes Denken ist Teil des gesamten Managementsystems und in Abschnitt 8.5 ausdrücklich verlangt. Gemeint sind ausdrücklich auch Chancen: Eine neue Messtechnik, ein zusätzlicher Prüfstand oder ein neuer Kundenkreis sind keine Gefahren, sondern Gelegenheiten, die das Labor bewusst wahrnehmen oder bewusst verwerfen kann.

Der Begriff hängt an mehreren Stellen der Norm: bei der Unparteilichkeit (4.1.4), bei nicht konformer Arbeit (7.10), bei Korrekturmaßnahmen (8.7, Aktualisierung der Risiken) und bei der Managementbewertung (8.9). Abschnitt 8.5 ist der Ort, an dem es systematisch zusammenläuft.

Was Abschnitt 8.5 verlangt

UnterabschnittAnforderung
8.5.1Das Labor berücksichtigt Risiken und Chancen seiner Laboraktivitäten, um (a) zu zeigen, dass das Managementsystem die beabsichtigten Ergebnisse erreicht, (b) Chancen zu verstärken, (c) unerwünschte Auswirkungen und mögliche Fehler zu verhindern oder zu verringern und (d) Verbesserung zu erreichen.
8.5.2Das Labor plant (a) Maßnahmen zum Umgang mit diesen Risiken und Chancen sowie (b) wie diese Maßnahmen in das Managementsystem eingeführt und umgesetzt und wie ihre Wirksamkeit bewertet wird.
8.5.3Maßnahmen stehen im Verhältnis zur möglichen Auswirkung auf die Gültigkeit der Laborergebnisse.

Die Anmerkungen der Norm nennen als Optionen: Risiken erkennen und vermeiden, ein Risiko eingehen, um eine Chance zu nutzen, die Risikoquelle beseitigen, Wahrscheinlichkeit oder Folgen verändern, das Risiko teilen oder es nach bewusster Entscheidung tragen. Wichtig ist die bewusste Entscheidung, nicht das Ergebnis.

Typische Risiken und Chancen im Prüflabor

BereichBeispiel für Risiko oder Chance
PersonalRisiko: Nur eine Person ist für ein Prüfverfahren befugt. Chance: Zusätzliche Befugnis erweitert den Einsatz bei Urlaub und Krankheit.
GeräteRisiko: Ein Prüfmittel fällt kurz vor Terminablauf der Kalibrierung aus. Chance: Zweites Gerät als Referenz oder Vergleichsmessung.
UmgebungRisiko: Klimaschwankungen im Prüfraum beeinflussen Messwerte. Chance: Überwachung mit Alarmgrenzen.
DatenRisiko: Rohdaten liegen auf einem lokalen Rechner ohne Sicherung. Chance: Zentrale Ablage mit Änderungshistorie.
Kunden und AufträgeRisiko: Ein Kunde drängt auf Fristen, die ohne Kürzung der Prüfung nicht zu halten sind. Chance: Neue Prüfart für einen wachsenden Markt.
UnparteilichkeitRisiko: Interessenkonflikt, wenn dieselbe Person prüft und beim Kunden berät. Chance: Klare Regeln zur Trennung.

Ein schlankes Risikoregister in fünf Schritten

  1. 1

    Prozesse durchgehen

    Von der Anfrage über den Probeneingang und die Prüfung bis zum Bericht: Wo könnte die Gültigkeit der Ergebnisse leiden? Auch Ressourcen (Personal, Geräte, Umgebung) und Dienstleister gehören dazu.

  2. 2

    Risiken und Chancen erfassen

    Eine Zeile je Punkt: Prozess, Beschreibung, mögliche Auswirkung. Kurz und konkret, nicht „Gerät fällt aus“, sondern „Zykliergerät 3 ist nur bei Hersteller X reparierbar, Lieferzeit 6 Wochen“.

  3. 3

    Bewerten

    Wahrscheinlichkeit und Auswirkung auf die Ergebnisgültigkeit grob einstufen (niedrig, mittel, hoch). Eine Matrix mit drei mal drei Feldern genügt.

  4. 4

    Maßnahmen festlegen

    Nur dort, wo es verhältnismäßig ist: Maßnahme, verantwortliche Person, Termin. Bei bewusst getragenen Risiken die Entscheidung vermerken.

  5. 5

    Wirksamkeit prüfen und fortschreiben

    Im internen Audit und in der Managementbewertung prüfen, ob Maßnahmen gewirkt haben. Nach Abweichungen, Beschwerden und Korrekturmaßnahmen das Register aktualisieren.

Typische Feststellungen im Audit

  • Es gibt kein Risikoregister, oder es wurde einmal für die Akkreditierung erstellt und seither nicht aktualisiert.
  • Das Register nennt nur Chancen oder nur Risiken, aber keine Maßnahmen mit Verantwortlichem und Termin.
  • Die Maßnahmen sind nicht verhältnismäßig: sehr viel Aufwand für Risiken ohne Einfluss auf Ergebnisse, nichts für kritische Punkte.
  • Wirksamkeit wird nicht bewertet; in der Managementbewertung kommt das Thema nicht vor.
  • Aus Abweichungen, Beschwerden und nicht konformer Arbeit folgt keine Aktualisierung des Registers.
  • Unparteilichkeitsrisiken (4.1.4) sind getrennt behandelt und nicht mit 8.5 verknüpft.

Werkzeuge und Datenquellen

Ein Risikoregister ist eine Tabelle. Die Schwierigkeit ist nicht das Werkzeug, sondern die Aktualität: Neue Risiken zeigen sich im Tagesgeschäft, in Auffälligkeiten bei der Prüfung, in Geräteausfällen und in der Auslastung. Wer diese Quellen strukturiert erfasst, kann das Register mit wenig Aufwand speisen.

TestLabIQ erfasst Abweichungen je Testfall mit Art und Beschreibung, führt ein Audit-Log aller Änderungen und zeigt die Auslastung der Prüfstände im Kalender. Das sind Datenquellen für die Risikobewertung. Ein eigenes Risikoregister mit Bewertungsmatrix bietet die Anwendung nicht; dafür genügt eine gepflegte Tabelle oder Ihr QM-System.

Häufige Fragen

Was verlangt Abschnitt 8.5 der ISO 17025?

Das Labor berücksichtigt Risiken und Chancen seiner Tätigkeiten, plant Maßnahmen dazu, setzt sie im Managementsystem um und bewertet ihre Wirksamkeit. Die Maßnahmen müssen im Verhältnis zur möglichen Auswirkung auf die Gültigkeit der Ergebnisse stehen.

Brauche ich ein formales Risikomanagement nach ISO 31000?

Nein. Die Norm verlangt weder formale Methoden noch einen dokumentierten Risikomanagementprozess. Ein nachvollziehbar gepflegtes Risikoregister mit Maßnahmen und Wirksamkeitsprüfung erfüllt die Anforderung in der Praxis.

Was ist der Unterschied zu den früheren Vorbeugemaßnahmen?

Vorbeugemaßnahmen waren ein eigener Abschnitt, der auf potenzielle Fehlerursachen zielte. Das risikobasierte Denken der aktuellen Ausgabe ist breiter, schließt Chancen ein und durchzieht das gesamte Managementsystem.

Muss das Risikoregister dokumentiert sein?

Die Norm verlangt keinen bestimmten Dokumentationsumfang, aber das Labor muss nachweisen können, dass es Risiken betrachtet, Maßnahmen geplant und deren Wirksamkeit bewertet hat. Ohne Dokumentation ist das im Audit kaum möglich.

Wie oft sollte das Register aktualisiert werden?

Mindestens vor jeder Managementbewertung und immer nach Ereignissen wie Abweichungen, Beschwerden, Geräteausfällen, neuen Verfahren oder Personalwechseln in Schlüsselrollen.

Auffälligkeiten erfassen, bevor sie zum Risiko werden

TestLabIQ hält Abweichungen, Auslastung und Änderungen zusammen, als Grundlage für Ihre Risikobewertung.

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Dieser Ratgeber dient der redaktionellen Orientierung und ist keine Auslegung der Norm. Prüfen Sie stets den aktuellen Normtext und die Vorgaben Ihrer Akkreditierungsstelle.