So sieht eine lückenlose Kalibrierkette aus
Rückführbarkeit ist kein Aufkleber auf dem Gerät, sondern eine Kette von Vergleichen. Jedes Glied ist eine Kalibrierung, bei der ein Gerät mit einem genaueren verglichen wird, und jedes Glied fügt Unsicherheit hinzu. Die Kette endet bei der SI-Definition der Einheit.
| Ebene | Beispiel (Beleg) |
|---|---|
| SI-Einheit | Volt, realisiert über den Josephson-Effekt / Definition der Einheit |
| Nationales Metrologieinstitut (PTB, NIST, NPL …) | Primärnormal für Spannung / Kalibrierschein mit Unsicherheit, CMC-Eintrag in der BIPM-Datenbank |
| Akkreditiertes Kalibrierlabor | Referenzmultimeter, kalibriert am nationalen Normal / Akkreditierter Kalibrierschein (ISO/IEC 17025), Umfang deckt Bereich und Unsicherheit ab |
| Ihr Labor | Arbeitsmultimeter oder Datenlogger, kalibriert am Referenzgerät / Kalibrierschein oder interner Kalibrierbeleg |
| Ihr Prüfergebnis | Am Prüfling gemessene Spannung / Prüfprotokoll mit Verweis auf das Gerät und dessen Kalibrierstatus zum Zeitpunkt |
Fehlt ein Glied — ein abgelaufener Schein, ein Schein, der den gemessenen Bereich nicht abdeckt, ein Referenzgerät ohne Unsicherheit —, ist die Kette unterbrochen, und mit ihr die Aussage der Rückführbarkeit für jedes Ergebnis, das in der Zwischenzeit über dieses Gerät lief.
Die Wege, die Abschnitt 6.5 zulässt
Abschnitt 6.5.2 nennt die Möglichkeiten, die Rückführung auf das SI sicherzustellen. Welcher Weg passt, hängt von der Messgröße ab.
| Weg | So funktioniert er |
|---|---|
| Kompetentes Kalibrierlabor | Geräte werden von einem Labor kalibriert, das Kompetenz, Unparteilichkeit und konsistente Rückführung nachweist — in der Praxis nach ISO/IEC 17025 akkreditiert für Messgröße, Bereich und benötigte Unsicherheit. Typischer Einsatz: Elektrik, Temperatur, Kraft, Drehmoment, Druck, Länge, Masse |
| Zertifizierte Referenzmaterialien | Ein Referenzmaterial eines kompetenten Herstellers (ISO 17034) mit Zertifikat und Rückführungsaussage auf das SI dient zur Kalibrierung oder Kontrolle des Verfahrens. Typischer Einsatz: Chemische und Werkstoffanalytik, pH, Leitfähigkeit, Härtevergleichsplatten |
| Direkte Realisierung der SI-Einheiten | Das Labor realisiert die Einheit selbst, bestätigt durch direkten oder indirekten Vergleich mit nationalen oder internationalen Normalen. Typischer Einsatz: Selten — vor allem nationale Metrologieinstitute und wenige Spezialabore |
| Andere Referenzen (6.5.3) | Wo die Rückführung auf das SI technisch nicht möglich ist: Rückführung auf eine Referenz wie zertifizierte Referenzmaterialien, vereinbarte Verfahren oder Konsensnormen, nachgewiesen z. B. durch Ringversuche. Typischer Einsatz: Qualitative oder verfahrensdefinierte Eigenschaften, z. B. manche Härteskalen oder Werkstoffgüten |
Was ein Kalibrierschein für Ihre Kette zeigen muss
Den Schein zu erhalten, ist nicht das Ende der Arbeit. Prüfen Sie ihn, bevor Sie das Gerät freigeben:
- Akkreditierung des Kalibrierlabors (Stelle, Nummer) und ein Umfang, der Messgröße, Bereich und benötigte Unsicherheit abdeckt.
- Eindeutige Kennzeichnung des Geräts — die Seriennummer stimmt mit der in Ihrer Prüfmittelkartei überein.
- Messergebnisse mit erweiterter Messunsicherheit und Erweiterungsfaktor, nicht nur „innerhalb der Toleranz“.
- Eine Rückführungsaussage auf nationale oder internationale Normale, idealerweise mit den verwendeten Referenzen.
- Kalibrierdatum und -bedingungen; die Frist legen Sie fest, nicht der Schein (siehe Ratgeber Kalibrierintervalle).
- Werte vor und nach einer Justierung (as found / as left), damit frühere Ergebnisse bewertet werden können.
Vergleichen Sie anschließend die Kalibrierunsicherheit mit dem, was Ihr Verfahren braucht. Ein Gerät, dessen Kalibrierunsicherheit den Großteil Ihrer Toleranz verbraucht, ist rückgeführt, aber nicht tauglich — das gehört ins Unsicherheitsbudget.
Rückführbarkeit im Alltag erhalten
- 1
Jedes ergebnisrelevante Gerät erfassen
Eindeutige ID, Seriennummer, Bereich, Standort, Verantwortlicher. Alles, was zu einem berichteten Wert beiträgt, gehört in die Kartei — auch Datenlogger, Thermoelemente und Vorrichtungen mit Messfunktion.
- 2
Metrologische Anforderung je Verfahren festlegen
Welche Unsicherheit braucht jede Messung? Daraus folgen Genauigkeitsklasse des Geräts und die Ebene der nötigen Kalibrierung.
- 3
Kalibrierquelle wählen
Ein akkreditiertes Kalibrierlabor mit passendem Umfang wählen oder einen anderen Weg begründen. Die Umfangsdokumente ablegen.
- 4
Jeden Schein bei Eingang prüfen
Die oben genannten Punkte abhaken und die Prüfung festhalten. Das Gerät erst danach freigeben.
- 5
Intervalle festlegen und Überfälliges sperren
Intervalle aus der Driftgeschichte ableiten, Fälligkeit erfassen und sicherstellen, dass ein überfälliges Gerät nicht unbemerkt weiterläuft.
- 6
Geräte mit den erzeugten Ergebnissen verknüpfen
Jedes Prüfprotokoll nennt die verwendeten Geräte und deren Kalibrierstatus zu diesem Zeitpunkt. Das macht die Kette auch Jahre später auditierbar.
- 7
Auf Abweichungen bei der Kalibrierung reagieren
Zeigt eine Kalibrierung, dass ein Gerät außerhalb der Toleranz war, werden alle Ergebnisse seit der letzten guten Kalibrierung geprüft und Maßnahmen entschieden (Abschnitt 6.4.9 und 7.10).
Typische Begutachtungsfeststellungen
- Kalibrierschein eines nicht akkreditierten Labors oder mit einem Umfang, der den genutzten Bereich nicht abdeckt.
- Schein ohne Messunsicherheit oder ohne Rückführungsaussage.
- Ein Gerät ist nach Ablauf der Kalibrierfrist weiter im Einsatz.
- Prüfprotokolle nennen das verwendete Gerät nicht, sodass betroffene Ergebnisse nach einer Toleranzüberschreitung nicht identifiziert werden können.
- Interne Referenznormale werden ohne eigene rückgeführte Kalibrierung zur Kalibrierung genutzt.
- Die Kalibrierunsicherheit fließt nicht in das Messunsicherheitsbudget ein.
- Kalibrierergebnisse wurden nie gegen die Anforderungen des Verfahrens bewertet.
Fast alle dieser Punkte sind Verknüpfungsprobleme: Gerät, Kalibrierung, Prüfauftrag und Ergebnis liegen in verschiedenen Dateien. Liegen sie in einem System, ist „welche Ergebnisse nutzten dieses Gerät?“ eine Abfrage statt einer Recherche.